Ich hab heute einen Fehler gemacht. Fünf Minuten ATV. Fünf Minuten „Tutto Gas 2026“. Fünf Minuten Einblick in eine Parallelwelt, die mich gleichzeitig fasziniert und ratlos zurücklässt. Nicht wütend, nicht moralisch erhitzt. Einfach ratlos.
Dabei liebe ich Lignano. Wirklich. Wir fahren mehrmals im Jahr hin, waren beim Biker Fest dabei, kommen im Juli wieder. Das Meer, das Essen, die Leute. Wenn ich in der Croce del Sud sitze und der Kellner einem schon nach dem zweiten Besuch per Namen kennt, wenn man am Plaza an der Bar lehnt und einfach ist, dann ist das genau das, was Urlaub sein soll. Entspannung ohne Aufwand. Eine Stadt, die weiß, wie man Gäste behandelt.
Und dann gibt es Pfingsten.
Was ist Tutto Gas eigentlich?
Wer Lignano nur aus dem ATV-Format kennt, der kennt es nicht. Aber der Reihe nach.
Schon seit den 1980er-Jahren hat sich die Tradition entwickelt, dass österreichische Jugendliche zu Pfingsten nach Lignano fahren. Kärnten war immer besonders stark vertreten, die kurze Entfernung, die Verbindung über die Grenze, das macht „Ligi“ (wie ich diese Kurzform hasse) für viele zum naheliegendsten Fluchtpunkt wenn man jung ist, Pfingsten frei hat und keine Lust auf zuhause. Irgendwann hat sich daraus eine Eigenlogik entwickelt, die weit über ein normales Strandwochenende hinausgeht.
Das Schlagwort „Tutto Gas“ ist längst Eigenname, Haltung und Versprechen zugleich. Übersetzt heißt es simpel: Vollgas. Und genau das meinen die Leute, die sich so nennen, damit auch. Es geht nicht darum, schön Urlaub zu machen. Es geht darum, maximal zu feiern, maximal zu trinken, möglichst viel davon zu dokumentieren und am Ende mit einer Geschichte nach Hause zu fahren, von der man später erzählen kann.
Seit 2018 läuft auf ATV die Reportage-Reihe „Ausnahmezustand in Lignano“, die mittlerweile in der siebten Staffel läuft und jedes Jahr kurz nach Pfingsten ausgestrahlt wird. Die Sendung zeigt Gruppen junger Österreicher, begleitet sie durchs Wochenende, lässt die Kamera laufen wenn’s eskaliert und nennt das Dokumentation. Im Grunde ist es Reality-TV mit Strand und Dosen.
Die Zahlen hinter dem Ausnahmezustand
Zu Pfingsten 2026 haben die Behörden mit rund 80.000 Besuchern in Lignano gerechnet, davon etwa 20.000 aus Österreich. An einzelnen Spitzentagen sollen es sogar bis zu 100.000 Menschen gewesen sein. Zum Vergleich: Lignano Sabbiadoro hat dauerhaft um die 6.000 Einwohner. Das bedeutet, der Ort begrüßt zu Pfingsten ein Vielfaches seiner eigenen Bevölkerung innerhalb von 72 Stunden.
Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze sind über das Pfingstwochenende restlos ausgebucht. Die Gastronomie fährt Umsätze ein, die in manchen Betrieben den Ertrag mehrerer normaler Wochen entsprechen. Das ist kein Randeffekt, das ist ein wirtschaftlicher Faktor, der für Lignano relevant ist.
Gleichzeitig kostet das Wochenende die Stadt viel: Über 100 Sicherheitskräfte waren 2026 im Einsatz, flankiert von privaten Security-Diensten und sogar Militärpräsenz an der Piazza Fontana. Österreichische Polizisten aus Wien, Oberösterreich und früheren Jahren auch aus Kärnten unterstützen ihre italienischen Kollegen vor Ort. Hundestaffeln aus Trient. Rettungskräfte 24 Stunden in Bereitschaft. Das ist kein normales Sommerwochenende, das ist eine Spezialoperation.
Was die Regeln sagen und was passiert
Die Gemeinde Lignano hat seit Jahren ein immer dichter werdendes Regelwerk rund ums Pfingstwochenende aufgebaut. 2026 galt: Kein Straßenverkauf von Alkohol ab Mitternacht, kein Alkohol in Glas oder Dose im öffentlichen Raum, keine Musik im Außenbereich nach Mitternacht, Sperrstunde für Innenräume um 2 Uhr, Badeverbot am Strand von 1 bis 6 Uhr früh und das Verbot von ausgehöhlten Früchten, also die berühmten Wodka-Melonen, die im Vorjahr noch als kreative Umgehung der Dosenregel beliebt waren. Strafen bis zu 5.000 Euro stehen im Raum.
Das Komitee für Ordnung und Sicherheit hat im März 2026 die „Null-Toleranz-Strategie“ aus den Vorjahren formell verlängert und bekräftigt.
Funktioniert das? Teils. Die offizielle Bilanz nach Pfingsten 2026 war positiv, keine größeren Zwischenfälle. Was die lokale Berichterstattung damit meinte, ließ sich im Nachhinein lesen: Eine minderjährige Österreicherin stürzte alkoholisiert vom Garagendach und wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Sie wollte für ein Foto aufs Dach klettern. In der Nacht nach Schließung der Lokale zog die Party eben auf die Straße. Brunnen wurden als Mülleimer benutzt. Gestohlene Einkaufswagen tauchten in der Morgendämmerung im Stadtteil Sabbiadoro auf.
Das Udine-Today-Portal schrieb danach von „Nächten des Exzesses“ und „Geschrei, Gebrüll, Schlägereien und Vermüllung“. TriesteCafe sprach von einem „wahren Anblick des Verfalls“. Und Bürgermeisterin Laura Giorgi hatte schon im Vorjahr öffentlich beklagt, das Pfingstwochenende sei ein Phänomen, das „im letzten Jahrzehnt ausgeartet ist“.
Die andere Seite: Was die Einheimischen wirklich denken
Das ist der Teil, den der ATV-Sender erwartungsgemäß nicht zeigt.
Im Juni 2025 hatten 1.546 Bürger von Lignano eine Petition des Komitees „Stoppt die Verwahrlosung während der Pfingstfeierlichkeiten“ unterzeichnet. In einer Stadt von 6.000 Einwohnern ist das eine bemerkenswerte Zahl. Die Forderung war klar: Maßnahmen gegen den unkontrollierten Ansturm.
Die lokale Nachrichtenplattform Nordest24 zitierte wütende Anwohner mit dem Satz „jährliche Invasion der Barbaren“. Eine andere Stimme meinte: „Ausländer tun diese Schandtaten zuhause nicht, weil sie wissen, dass sie eine Geldstrafe riskieren.“ Das ist hart formuliert, aber der Hintergedanke hat eine gewisse Logik. Was man sich zuhause nicht erlaubt, erlaubt man sich manchmal woanders.
Zum einen sind es die Gastrobetriebe, die profitieren und die sich über die Exzesse nicht öffentlich beschweren können, weil sie das Geschäft brauchen. Zum anderen sind es Anwohner, die drei Nächte lang keinen Schlaf finden und am Montag ihre zertrampelten Blumenbeete aufräumen. Diese zwei Gruppen existieren gleichzeitig in derselben Stadt, und beide haben recht.
Bürgermeisterin Giorgi versucht, den Mittelweg zu finden. Ihr Ziel ist, das Image der „Saufmeile“ loszuwerden und stattdessen zahlungskräftige Familien anzuziehen. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar: Ein Familienpaar mit zwei Kindern, das eine Woche bleibt, ist für Lignano wirtschaftlich wertvoller als zehn Jugendliche, die 48 Stunden trinken und dann wieder verschwinden.
Generation X und die ehrliche Einordnung
Hier muss ich kurz innehalten und ehrlich sein. Ich bin Generation X. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man auch gefeiert hat. Laut, ausgiebig, mit Substanzen, die man lieber nicht namentlich erwähnt. Nur: Es gab kein Handy. Keine Kamera im Hosensack. Keine sozialen Netzwerke, auf denen man das dokumentiert, teilt und als persönliche Marke positioniert.
Was wir in unserer Jugend gemacht haben, ist genauso passiert. Die Erinnerungen daran sind aber privat geblieben. Kein Stream, keine ATV-Reportage, keine Instagram-Story. Unsere Jugendsünden sind mit uns gealtert und verschwunden, ohne dass sie irgendjemanden etwas angehen.
Das ist heute anders. Die heutigen Tutto-Gas-Teilnehmer dokumentieren sich selbst. Spritzpistolen gefüllt mit Alkohol als kreative Umgehung des Dosenverbots. Wodka-Melonen als Lifestyle-Statement. Und dann der Absturz, buchstäblich, auf dem Garagendach. Auf TikTok. Für alle.
Was mich daran stört, ist nicht die Feier. Es ist die Mischung aus vollständiger Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Ort, der einen beherbergt, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, das alles öffentlich zu performen. Das „Wir“-Gefühl der Gruppe als Legitimation für alles, was man sonst nicht täte.
Aber ich will auch nicht der Mann sein, der mit verschränkten Armen auf die Jugend schimpft. Das ist eine bequeme Geste, die nichts erklärt.
Was Lignano wirklich ist, wenn kein Ausnahmezustand herrscht
Wer Lignano nur aus den ATV-Berichten kennt, verpasst den eigentlichen Ort.
Lignano Sabbiadoro ist ein Küstenort in Friaul-Julisch Venetien, der sich über drei Stadtteile erstreckt: Sabbiadoro, Pineta und Riviera. Die Strände sind breit, gut gepflegt und angenehm. Das Wasser ist flach und warm. Die Fischküche ist exzellent. Die Italiener, die dort leben und arbeiten, sind freundlich, nicht übertrieben, einfach entspannt gastfreundlich.
Der Ort hat auch außerhalb von Pfingsten ein Programm, das sich sehen lassen kann. Das Biker Fest International, das dieses Jahr seine 40. Ausgabe gefeiert hat und rund 240.000 Besucher anzog, ist eine Veranstaltung mit Substanz: Custom-Bike-Shows, Demo-Rides aller großen Marken von Harley über BMW bis Indian, Konzerte, Ausstellungen amerikanischer Autos. Genau das richtige Event, wenn man Motorräder mag und einen Ort sucht, der weiß, was er tut.
Das Biker Fest hat auch dieses Jahr gezeigt, wie man „anders“ feiern kann. Ich hab das ehrlich genossen (auch wenn das Wetter eher „suboptimal“ war.)
Im September folgt die Italian Bike Week, die sich auf Off-Road und Adventure spezialisiert hat und die Stadt als das „Daytona Europas“ positioniert. Und dazwischen gibt es Konzerte, Fischfeste, das Easy Fish Festival im September, den normalen Sommerbetrieb mit Strandbars, guten Restaurants und dem entspannten Abend an der Promenade.
Das ist das Lignano, für das ich gerne hinfahre. Nicht Pfingsten.
Kein Vorwurf, aber eine klare Grenze
Ich will dem Tutto-Gas-Wochenende nicht verbieten, zu existieren. Die Jugendlichen, die dort feiern, sind nicht per se schlechte Menschen. Viele von ihnen feiern hemmungslos und fahren trotzdem wieder nach Hause, ohne wirklich jemanden ernsthaft verletzt zu haben. Das Wochenende hat seine eigene Logik, seinen eigenen sozialen Klebstoff, sein eigenes Ritual.
Und die Gastwirte brauchen es. Die Hotels brauchen es. Das Geld kommt rein. Ein wirtschaftlich nüchterner Blick muss das anerkennen.
Aber: Der Ort zahlt einen Preis, den man nicht mit Euros aufwiegt. Die Einwohner zahlen ihn in schlaflosen Nächten und verdreckten Straßen. Die Bürgermeisterin zahlt ihn mit einem Image, das sie nicht losbekommt, egal wie viele Verbote sie erlässt. Und die anderen Touristen, die an genau diesem Wochenende gebucht haben und sich eine andere Erfahrung vorgestellt haben, zahlen ihn auch.
Ich bin froh, dass ich Lignano zu anderen Zeiten kenne. Im Mai beim Biker Fest, wo man unter seinesgleichen ist und der Piazza-Fontana-Kreisverkehr mit Motoren klingt statt mit Lärm. Im Juli, wenn die Saison läuft und die Stadt sich in ihrem normalen Modus befindet. Im Herbst, wenn die Touristen weniger werden und der Herbstwind am Strand schon etwas rauer ist.
Pfingsten lasse ich anderen. Die sollen ihren Spaß haben.
Ich sitz derweil im Büro und ärgere mich maximal fünf Minuten lang über ATV.
Und dann gibt es noch eine Randnotiz, die heute, während ich diesen Text schreibe, aus dem Handelsgericht Wien kommt. Ein Protagonist der ATV-Reality hatte 2022 in Lignano einer jungen Frau aus Österreich an die Brust gegriffen, der Sender zeigte die Szene unverpixelt. Die Frau klagte, und das Gericht hat ihr in erster Instanz 10.000 Euro Schadenersatz zugesprochen. Noch nicht rechtskräftig, ProSiebenSat1Puls4 prüft das Urteil. Aber das Gericht bezeichnete die Szene als „entwürdigend und herabsetzend“.
Das ist der Punkt, der mich dann doch noch kurz innehalten lässt. Nicht wegen des Vorgangs in Lignano selbst, solche Übergriffe passieren überall. Sondern weil ein Sender die Szene unverpixelt ausgestrahlt hat, für Quote. Und weil es offenbar Jahre gebraucht hat, bis das rechtliche Konsequenzen hatte. Das nennt man dann Unterhaltungsfernsehen.
Das Titelbild ist (natürlich) mit KI erstellt.
Quellen:
80.000 Gäste zu Pfingsten, 20.000 aus Österreich + Regelwerk 2026 (Alkohol, Sperrstunden, Melonen-Verbot)
https://www.heute.at/s/strenge-regeln-fuer-tutto-gas-2026-in-lignano-120198872
Bürgermeisterin Giorgi: „im letzten Jahrzehnt ausgeartet“ + Einwohnerstimmen + ORF-Nachbericht Pfingsten 2025
https://orf.at/stories/3396252/
1.546 Bürger unterzeichnen Petition „Stoppt die Verwahrlosung“
https://www.heute.at/s/keine-musik-alkoholverbot-neue-regeln-in-lignano-120090637
ATV-Sendung „Ausnahmezustand in Lignano“ (Joyn-Streamingseite, alle Staffeln)
https://www.joyn.at/serien/ausnahmezustand-in-lignano-tutto-gas (muss man nicht anklicken)
Gericht verurteilt ATV zu 10.000 Euro Schadenersatz (Der Standard, heute)
https://www.derstandard.at/story/3000000328585/gericht-verurteilt-atv-wegen-tutto-gas-zu-10000-euro-schadenersatz-an-betroffene